Bundesarbeitskreis der Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di

Bundesarbeitskreis der Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di

Beitragvon lucie » Di 7. Sep 2010, 19:50

Am 22.8.2009 war ich als Vertreter beim Bundesarbeitskreis(BAK) der Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di vertreten. Der BAK hat sich auf Antrag des Arbeitskreises LSBTI Hamburg mit dem Thema Intersexuelle Menschen beschäftigt. Ziel ist, die Sichtbarmachung des Themas und der Menschenrechtsverletzungen in die Gewerkschaft zu tragen und für Unterstützer zu werben.

Hier meine Rede:

Kurzreferat Ver.di – BAK , Berlin 2010

Vielen Dank für die Einladung!

Ich freue mich sehr, hier heute sein zu dürfen.

Ich bin Lucie Veith, Mitglied des Ak´s in Hamburg, Menschenrechtlerin, 1. Vorsitzende des Bundesverbandes Intersexuelle Menschen e.V., NGO und Schattenberichtserstatterin.

Hier nun einen kleines Referat zum Thema Intersexuelle Menschen in Deutschland und ich will insbesondere darauf einzugehen, warum es sinnvoll und notwendig ist, das Intersexuelle Menschen in den Namen des Bundes AK´s mit aufzunehmen.

In Deutschland leben ca. 80.000 – 120.000 Menschen, die körperlich- geschlechtlich Varianzen aufweisen. Sie selbst, ihr Leben, ja sogar ihre Existenz wird tabuisiert. Weil das Recht nur Männer und Frauen kennt, werden die intersexuell geborenen Menschen meist ohne informierte Aufklärung endschlechtlicht, ihre intersexuellen Genitalien werden zerstört, ihre Keimdrüsen, Hoden oder Eierstöcke werden oft schon im Kleinkindalter entfernt, sehr oft dann einer gegengeschlechtlichen Hormontherapie unterzogen. All dies geschieht ohne ausreichend Evidenz, ohne Einwilligung.

Die Menschen leben in einer ihnen aufgezwungenen Lebensrealität, ihre psychosexuelle Entwicklung wurde gestört, eine geschlechtliche Selbstverortung im eigenen Geburtsgeschlecht(intersexuellem) ist lebenslang unterbunden.
Der Staat mit seinen Kontrollmechanismen versagt, weil er seine Kontrollpflichten den medizinischen Fachgesellschaften überlässt, der grundrechtlich garantierte Schutz der Würde, körperlichen Unversehrtheit und der geschlechtlichen Identität ist für intersexuelle Menschen nicht vorhanden.
Sie kennen die sogen. transsexuellen Menschen, die eine Veränderung des Körpers auf Grund ihres psychosexuellen Geschlechts anstreben und auch die Menschen, die körperlich unversehrt sind und in den Genuss einer ungestörten psychosexuellen Entwicklung gekommen sind und sich als „queer“ oder „transgender“ bezeichnen.
Intersexuelle Menschen haben eine körperlich psychosexuelle Realität zu leben die immer noch in einem gesellschaftlichen Tabubereich liegt und massiv benachteiligt wird.

Intersexuelle Menschen werden zwangstranssexuallisiert und entschlechtlicht. Sie werden oft schon im Kindesalter ohne ausreichende Evidenz und ohne Informierte Einwilligung kastriert und oft wird das „intersexuelle Geburtsgeschlecht“ operativ und medikamentös zerstört.

Intersexuelle Menschen streben körperliche Unversehrtheit und eine eigene körperliche und psychosexuelle Entwicklung an.

Es mag intersexuelle Menschen geben, die sich als Transgender bezeichnen, die Mehrheit lehnt diesen Begriff für sich ab. Diese Menschen wieder zwangsweise in diesem Begriff des Transgender zu subsumieren hieße: eine weitere Entrechtung.

Intersexuelle als Transgender zu bezeichnen bedeutet:
Unsichtbarmachen!

Und unsichtbar waren intersexuelle Menschen die letzen 80 Jahre in dieser Gesellschaft. Man hat uns aus der Sprache und aus dem Gedächtnis der Bevölkerung eliminiert.

Intersexuelle Menschen aufgrund ihrer Varianzen zu Kranken und gar zu unwertem Leben zu erklären die man bis zur Geburt abtreiben darf, muss der Vergangenheit angehören.

Welche Forderungen sind mit dem I für INTERSEXUELLE MENSCHEN verbunden?

Der LSVD hat es 2008 bereits auf den Punkt gebracht: :
„Menschenrechte von Intersexuellen schützen

Die Welt ist nicht ausschließlich zweigeschlechtlich organisiert. Intersexuelle zwischengeschlechtliche,
mit männlichen und weiblichen Geschlechtsmerkmalen geborene Menschen -werden dennoch zumeist in ein Korsett vorgeblicher Eindeutigkeit gezwängt. Bei intersexuellen Menschen finden sich sowohl weibliche als auch männliche körperlich-geschlechtliche Merkmale. Die meisten von ihnen werden schon von frühestem Kindesalter an irreversiblen medikamentösen und chirurgischen Eingriffen unterzogen, ohne dass dies medizinisch notwendig wäre.
Kleinkinder werden an ihren zwischengeschlechtlichen Genitalien operiert und einem normierten Geschlecht zugeordnet. Die meisten Opfer dieser Zwangsbehandlungen tragen massive psychische und physische Schäden davon, unter denen sie ein Leben lang leiden. Oft werden intersexuelle Menschen in ein Geschlecht gedrängt, dass ihnen nicht entspricht; eine selbstbestimmte Entwicklung wird ihnen unmöglich gemacht. Es handelt sich um schwere Menschenrechtsverstöße. Das Recht auf körperliche Unversehrtheit, Selbstbestimmung und Würde wird verletzt.

Medizinische Eingriffe, seien sie chirurgisch, medikamentös oder hormonell, dürfen ausschließlich aufgrund der informierten Einwilligung der betroffenen intersexuellen Menschen erfolgen. Wir setzen uns für die Schaffung verbindlicher "Standards of Care" ein, die unter Einbeziehung der betroffenen Menschen und von Antidiskriminierungsverbänden erstellt werden müssen. Notwendig sind umfassende und vorurteilsfreie Informationen für Eltern intersexueller Kinder. Das Thema Intersexualität muss in die Ausbildung medizinischer und sozialer Berufe Eingang finden. Für Menschen, die menschenrechtswidrigen Zwangsbehandlungen unterworfen wurden, fordern wir Entschädigung und angemessene gesundheitliche Versorgung. Intersexuelle Menschen haben als gleichberechtigte Bürgerinnen und Bürger ein Recht auf freie Entfaltung und Entwicklung. Es gibt keinen sachlichen Grund, warum Menschen nach deutschem Recht zwangsweise entweder männlich oder weiblich sein müssen. Intersexuelle Menschen müssen einen angemessenen
Platz in der Rechtsordnung erhalten. „


Die Menschenrechte sind universell und unteilbar. Auch für die Kollegen in den Betrieben sollte es eine Gültigkeit geben. Soziale und gesellschaftliche Aufgaben gehören neben dem Tarifrecht zu den Kernaufgaben einer Gewerkschaft.

Mit dem „Inter“ kommen die Menschenrechte ins Spiel.
Das steht einer Gewerkschaft gut zu Gesicht: Die Durchsetzung der Menschenrechte für intersexuellen Arbeitnehmer und der intersexueller Menschen sollten Grund genug sein hier Raum für Neues in einem gewerkschaftlichen Arbeitskreis zu schaffen.

Ich möchte Mut machen sich weiterzubilden. Ich berate sehr gerne. Wenn ein“ Fachintersexueller Menschen“ gesucht wird, ich bin da.

Ich appelliere eindringlich: Stoppen wir gemeinsam die Genitalverstümmelungen an Kindern!
Wer sich am unsichtbar machen einer ganzen Bevölkerungsgruppe beteiligt, die Menschenrechte dieser Menschen geringer schätzt als die eignen Menschenrechte, der hat den Auftrag der Allgemeinen Menschenrechtserklärungen nicht verstanden.

Ich fordere Euch auf, Euch solidarisch zu zeigen :

Menschenrechte gelten auch für intersexuelle Menschen, Zwitter und Hermaphroditen.

Eine Namensänderung würde diese Forderung auch nach außen deutlich unterstreichen und ein Zeichen setzten, das auch für andere Gewerkschaften und der Politik sichtbar wird.

Den Kollegen in den Betrieben würde es zeigen:
Ihr seid nicht allein und wir von Ver.di vertreten auch intersexuelle Menschen in der Durchsetzung grundrechtlicher und menschenrechtlicher Forderungen.

Vielen Dank!
Jeder Mensch bildet seine eigene Identität, die kann auch außerhalb bekannter Zweigeschlechterkonstrukte liegen.
lucie
 
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